Augen des Abendhimmels

Kleine, aufsteigende Laternen. Sehen und fühlen, wie sie schwerelos werden und abheben, langsam steigen in die warme, dunkle Luft eines mit neugierigen Augen blickenden Abendhimmels – mehr wie ein Kind, mehr wie ein Greis? Ich könnte es nicht sagen. Auf uns herunter blickend als wüssten sie etwas über uns, auf dessen Entfaltung sie hinblickten; vielleicht sogar, all die Zeit, nichts anderes sähen als diese Entfaltung. Ein Mensch – ein Geheimnis, das sich selbst sucht? Wie ein Auge, das versucht, sich selbst zu erblicken? Etwas, das sich nur erblicken kann, indem es sich verwirklicht? Vielleicht ist das die Wurzel der Kreativität …

Wenn die Tagesgeschöpfe in ihren Schlaf gefunden haben, scheint der Himmel neu zu erwachen. Aus dem einen, hell lodernden Feuer des Tages werden dann tausend kleine Kerzenlichter, die Weite verheißen … Weite und Gesellschaft … Ein Meer von Sonnen in der Ferne, in das ich tauche, das durch meine Augen in mich eintaucht, das fern ist und doch so gegenwärtig und lebendig – Düfte und Klänge in meinem Herzen, meinem Gefühl. Das alles ruft mich. Nicht zu sich hin. Mehr in mich hinein, wo ich es fühle. Und hier? Hier weht dazu ein lauer Abendwind über meine Haut. Hier ist Gras unter meinen nackten Füßen – der träumerische Ruf eines Nachtvogels zwischen den Bäumen nicht fern. Und über und in allem die ruhig atmende Ruhe der Nacht.

Das alles sehe ich in den Augen des Abendhimmels, das alles und mehr, fühle ich, sieht er in mir. Und ich lerne, erinnere mich, dass, wie die Augen des Abendhimmels, auch meine Augen etwas sehen können – in mir, in anderen. Und, dass dieses Sehen einen Funken in mir und anderen zum Wachsen und Leuchten bringt.

Ich glaube Verehrung, Staunen kann ein Anfang sein. Verehrung für den Nachthimmel, für die Natur und für mich selbst, als einem Teil von ihr. Bringe ich dem Nachthimmel Verehrung entgegen, beginnt er in mir zu sprechen. Verehre ich die Natur, werden ihre Bilder, ihr Segen in mir lebendig. Wovon spricht die Natur und … wessen Sprache ist sie?

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3 Comments

  1. Was für ein wunderschöner Text…!!!
    So feinsinnig und voller Tiefe –
    eine sehr genaue Beobachtung, dass die betrachteten Dinge einen rufen, aber nicht zu sich hin, sondern uns, in uns hinein…
    Es spricht so viel Ehrfurcht aus deinen Zeilen; vielleicht ist Verehrung sogar die Voraussetzung für jegliches poetische empfinden..?!

    Wie schön, deinen Blog gefunden zu haben!

    1. Hey Simone, hab vielen Dank für deine wertschätzenden Worte! Mir ist als würde ein Text jedes Mal, wenn er von jemandem neu gelesen wird, ein bisschen neu geboren:).

      Vielleicht lässt Verehrung die Dinge selbst sprechen, zu Wort kommen, als würde man ihnen Raum geben, wie bei echtem Zuhören; sodass man selbst mit seinem Alltags-Ich (Ego?) beiseite tritt, Raum gibt …?

      Ich mag auch sehr, was du schreibst! Die Bilder, und die Texte haben so eine Weite in sich.

      Liebe Grüße, Rasmus

      1. Gern geschehen, lieber Rasmus!

        Ja, du hast recht; ich empfinde das ähnlich: auf dem Papier führen wir einen Gedanken in den Tod, der zuvor in uns selbst lebendig war, wir werfen ihn aus uns heraus, hinein in die Sichtbarkeit, wo er in einen mit dem Tod vergleichbaren Stillstand gebracht wird. Wie so ein Samenkorn, das andere wieder zum leben erwecken können. Was dort erwächst, ist eine völlig individuelle Textpflanze.. ;-)

        Ja, ich denke Verehrung ist eine Tätigkeit, die nichts für sich selbst haben möchte. Sie entbehrt wohl jener Übergriffigkeit, die die Würde der Dinge stets übertreten möchte… und die für das Alltags-Ich so charakteristisch ist…
        Danke dir!
        Liebe Grüße, Simone

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