Eine Geschichte erzählen

In meinem Schmerz bin ich ein Kind, dass an Geschichten glaubt – an Geschichten glauben will; das leise und ganz still dem lauscht, was die Stille zu ihm flüstert. Es braucht das Kind in mir doch jemanden, der eine Geschichte ihm erzählt, es mit sanfter Stimme führt, es fasziniert und es berührt; dass es liebevolle Worte seien, darauf alleine kommt es an.

Bin ich nun erwachsen und damit selbst der Geschichtenerzähler, dessen Worte mir selbst, dem Kind in mir und anderen Kindern Leitung geben sollen? Ich weiß, ich bin Geschichtenerzähler, trage die Verantwortung für mich selbst, im Mindesten. Doch ich weiß auch: Es gibt einen Ozean, einen Sternenhimmel voll von Worten, aus dem ich die Geschichte schöpfen kann. Mit der Geschichte, die ich erzähle, bin ich also nicht allein. Mir fallen tausend Worte ein – es kommt drauf an, welche ich wähle. Gänzlich erwachsen bin ich nie, vielmehr geführt durch eine Melodie, die auch in Wäldern, Sternen, Meeren klingt.

… mit jedem Tag ein Stück erweitern

Ich bin nicht, was ich denke – eher doch das Glück, das ich verschenke. Ich habe so viel nachgedacht, und fand mich am Ende doch dafür nur ausgelacht; vom eignen Innern still belächelt in meinen Versuchen, mit Gedanken zu erringen, was ich bin. Doch ich glaube: Ich ähnle eher einem Lied, und das lässt sich nicht denken – nur singen. In Gedanken habe ich versucht eine Messlatte zu überspringen, die zum Springen viel zu hoch ist … sie liegt dort für mich, doch nicht zum Scheitern, sondern zum Entdecken meiner Adlerschwingen. Es geht doch nicht ums Scheitern, sondern darum, dass wir uns mit jedem Tag ein Stück erweitern.

Ein Vogel in den Lüften – zwischen Wald und Wolken

Wäre man an jenem Abend wie auf Adlerflügeln durch die Lüfte geglitten, man hätte die Sonne hinter den grauen Bergen im Westen versinken sehen; man hätte eine kleine Gruppe von Walfischen bemerkt, die in den schwindenden Strahlen der Abendsonne in einer felsigen Bucht spielerisch ihre Luftsprünge vollbrachten. Im Wald aber, der sich wenige Meilen nordöstlich der Bucht über ein weites Gebiet gen Norden erstreckte, wäre es beinah schon dunkel gewesen. Nur wenig Licht drang noch durch das Geäst der alten Eichen, die bereits mehrere Menschenleben überdauert hatten. Der Wald selbst aber war so alt, dass auf diesem Gebiet vor ihnen schon andere Eichen gestanden hatten, die irgendwann so alt und morsch geworden waren, dass der Lebensgeist sich eine neue Heimat gesucht hatte. Sie waren verfallen und wieder zu Erde geworden und hatten den Wald der Obhut der jüngeren Eichen, deren mächtige Kronen man an diesem Abend von hoch oben aus den Lüften sehen konnte, überlassen. Doch das Waldesinnere lag bereits im Dunkel. Die Tagesgeschöpfe hatten sich zur Ruhe gelegt und die Tiere der Nacht fühlten ihre Zeit gekommen. Doch dort, etwas weiter nördlich hätte man mit scharfen Augen einen kleinen Lichtfleck zwischen den Bäumen ausmachen können. Mitten im Herzen des Waldes – weitab von dort, wo die Straßen und Wege der Menschen verliefen. Dort, wo man diesen Lichtfleck ausmachen konnte, war noch nie eine Menschenseele gesehen worden – weder von einem Tier noch von einem Baum. Und diesen beiden gemeinsam entging nichts von dem, was im Wald vor sich ging. Doch woher stammte dann dieser Lichtfleck mitten im tiefsten Wald?

Ein Abschiedssamenkorn

Du bist fort und der Garten liegt einsam hinter dem Haus. Wer wird nun neue Blumen pflanzen, die Sträucher pflegen, die Bete bereiten und im Frühjahr die Gemüsesaat in die Erde bringen? Du bist nicht mehr hier und der Garten liegt hilflos dort. Mich hat der Mut verlassen – alleine kann ich es nicht tun. Du hast eine Leere hinterlassen, in mir, in unserem Garten; eine Leere, die mich frieren lässt; die ich gefürchtet habe. Eine Leere, die zeigt, wie viel Du mir bedeutet, wie viel Du, auch für mich, getragen hast?
Und doch… da ich nun die Pflege des Gartens in meine Hände nehme, lege ich als erstes meinen Schmerz in die Erde, denn an ihm kann und will ich nicht vorbei; lege ihn in die Erde wie einen Samen, wie alles ein Samen sein kann. Vielleicht wird dann dieses Gefühl von Verlust sich öffnen, Wurzeln bilden, erste zarte Blätter entfalten und leise, ganz vorsichtig, mit jeder Wurzel, jedem Blatt ein wenig mehr, in ein leises, trautes Zwiegespräch mit den Himmelskräften, mit der Erdenmutter eintreten; wie es jede Pflanze tut, die sich aus ihrer Samenhülle befreit.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal so tief fallen, fühlen würde; so einsam und verunsichert mich wiederfände. Vielleicht hat jeder Lebensumstand, jedes Empfinden seinen Platz und seine Stimmigkeit; auch das tiefe, niedrige Empfinden ist ein Samenkorn, das zur Aussaat gedacht ist; es braucht eine Hand, die es in die Erde legt, als einen Akt des Annehmens, des Vertrauens, damit es in ein leises, trautes Zwiegespräch mit Himmelskräften und Erdenmutter eintreten und sich verwandeln kann – in mir wie in der Außenwelt.

Vertraute, fremde Welt

Es ist ein Land in mir, dessen Geruch mir vertraut ist. Ich kenne es, weil ich es bin, der es durchwandert; kenne die Pflanzen, die dort wachsen, weiß um die Bäume die dort stehen und wenn ich sie auch nicht bei ihrem Namen kenne, so doch bei ihrem Wesen und wenn ich sie erkenne, dann an etwas Tieferem als einem Namen… Gerüchen, Bedeutungen, Tönen, Wesenszügen… an all dem, was ihren Namen hervorbringt. Sie ist mir vertraut und gewohnt diese Welt und doch voller Abenteuerlust, Erneuerung und Bewegung. Auch, weil sie – die meine – anderen Welten begegnet und dann… geschieht etwas ganz Neues…
Ich sage ‚Du bist auch etwas, das mir fremd ist‘ und mancher versteht das als etwas Schlechtes. Ich aber sage: Lasse dir Zeit mit der Fremdheit und schätze sie, denn dann vielleicht wird sie sich wandeln in etwas, dass dich berührt und beschenkt. Denn sie ist mehr, ist anderes noch als die Vertrautheit und vielleicht wird dein Herz aufgehen wie du die Sonne am Morgen aufgehen siehst, wenn du die Fremdheit einmal still betrachtest und vielleicht fühlst, welch Geschenk sie dir macht.
Sie ist ein Strom, sie ist ein Geschenk, sie ist ein Stein, den du in der Hand halten und wiegen und fühlen kannst, und der dir doch verschlossen, auf eine letzte zärtliche Weise fremd bleibt. Und doch kann er Freund sein, ein tiefer Freund, und muss und darf doch auf eine letzte, sanfte, gnädige Weise fremd bleiben. Fremdheit ist sanft, ist gnädig, zärtlich – ein Geschenk. Ein Letztes von ihr begleitet alles: jede Liebe, jede Freundschaft, jeden Kuss auf Erden… Sie ist das Letzte darin, der Grund, warum wir weitergehen, zu immer neuen Erlebnissen finden.
Sie soll nicht bedrohen, sie soll einfach da sein; als ein hingegebener Gruß eines liebenden Universums… ein Geschenk, eine stetig fließende Einladung zu einer weiteren Entdeckung. In Dankbarkeit empfangen, gibt sich aller Segen preis.