Erfinden und Schöpfen

Woher kommen Geschichten? Kann man etwas erfinden? Vielleicht ist dies ja genau das richtige Wort: Er-bauen, er-sinnen, er-denken, er-mächtigen, er-höhen, – der Vorsilbe „er-“ wohnt etwas Ursächliches inne. Aber wie kann man dann etwas er-finden, etwas verursachen, das schon da ist? Das Wort „Schöpfen“ sagt Ähnliches: Bedeutet Schöpfen nicht, etwas Neues zu erschaffen? Und doch sprechen wir davon, aus etwas zu schöpfen – aus dem Vollen zum Beispiel, aus reichhaltigen Erfahrungen oder aus einem Suppenkessel. All das sagt doch, dass man als Erfinder, als schöpferisches Wesen (das wir doch sind?) scheinbar in einem Widerspruch steht. Einerseits sagen wir, dass der Erfinder in uns etwas Neues in die Welt bringt. Aber kann das stimmen? Die Erfinder des Flugzeuges haben ganz sicher etwas Neues in die Welt gebracht. Aber sie haben nicht die Prinzipien und Naturgesetze erfunden, durch die das Flugzeug zu Fliegen imstande ist. Vielmehr haben sie eine physische Konstruktion geschaffen, die sich mit den Naturgewalten und -gesetzen „versteht“ und „verbindet“; eigentlich, wie der Vogel, ein Art Abbild, ein Bewohner des Windes ist. Das Flugzeug ist also eine echte Er-findung. Man hat Dinge (Naturgesetze) entdeckt, gefunden und aus dem Gefundenen dann etwas er-funden: eine Möglichkeit zu fliegen. Es scheint, als wäre das, was der Mensch erschaffen kann, nie etwas ganz und gar Neues, sondern eher ein Entdecken, ein Erkunden von etwas Größerem, Umfassendem, Natürlichem. Vielleicht ist das Natürliche das Wahre, weil es vom menschlichen Verstand unbeeinflusst ist; vielleicht hat das Schöpfen und Kreativsein grundsätzlich etwas mit dem Fliegen lernen gemeinsam: Kräfte zu entdecken, die schon immer da waren, die bereit sind, uns zu tragen und, wie der Wind auch, vielleicht so etwas wie der Inbegriff der Sehnsuchtserfüllung sind (wie beim Segeln übers Meer und beim Fliegen. In beidem spielen Wind und Sehnsucht eine tragende Rolle). Nur muss man, um diese Kraft zu nutzen vielleicht ein wenig mit ihr vertraut werden, bemerken, dass sie überhaupt da ist. Und das geht möglicher Weise wie beim Wind: Man spürt ihn auf der Haut, aber erst so richtig, wenn man seine Flügel breitet. Und das letzte entspricht dem Erfinden des Fluggeräts, dem Fliegen lernen, dem schöpferischen Sein; seine Flügel auszubreiten – was immer das für jeden einzelnen bedeuten mag. Dann ist es verständlich, dass unser schöpferisches Wirken dann einen besonderen Erfolg, eine besondere Ausstrahlung hat, wenn sich in diesem Wirken ein Verstehen und Erkennen der Natur, des großen Zusammenhangs, in dem wir leben, widerspiegelt. Und für dieses Erkennen haben sich der Menschheit zwei Wege gebahnt: ein wissenschaftlicher und eine spiritueller; ein rationaler und ein intuitiver; einer, der gedanklich begründet, was er entdeckt und einer, der seinen Empfindungen ohnedies vertraut. Und auch, wenn diese beiden vielleicht Geschwister sind, wie die linke und die rechte Hand, haben die menschlichen Vertreter der beiden Richtungen einander oft verspottet und auf einander herab gesehen. Obwohl man doch weiß, dass für die wirklich wichtigen menschlichen Gesten beide Arme und Hände notwendig sind: Umarmen, klatschen, ein Neugeborenes halten, Teig kneten, einen Motor reparieren und beten – diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.cropped-p1030218.jpg

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