Barfuß (alles ist lebendig)

Was empfindet man auf all den Straßen und Wegen aus Stein und Teer? Wie empfindet man die Berührung seiner Füße mit dem Erdboden? Ist es aufregend? Zärtlich? Ist es wirklich eine Berührung? Ist da eine Rührung? Wie empfindet man auf Straßen aus Stein und Teer? Wie wäre es, wenn meine Berührung der Erde eine zärtliche, aufregende und achtsame wäre? Wenn mit jedem Schritt auch jeder Moment durch Achtsamkeit – wie eine Berührung nackter Füße mit dem Waldboden, einem Moosteppich oder Flussbett … – aufregend, besonders und eine herrliche Entdeckung wäre? Meine nackten Füße sind für die Achtsamkeit, die Achtung des Mutterbodens, eines jeden Momentes gemacht. Nicht umsonst sind sind sie so kitzlig; es ist ihre Begeisterungsfähigkeit, ihre Bereitschaft, jeden Moment ganz wach zu begrüßen und einzutauchen in ihn. Mit den Füßen voran, in jedem Moment, ganz hier, ganz jetzt … Wann bin ich das letzte Mal barfuß gelaufen?

… mit jedem Tag ein Stück erweitern

Ich bin nicht, was ich denke – eher doch das Glück, das ich verschenke. Ich habe so viel nachgedacht, und fand mich am Ende doch dafür nur ausgelacht; vom eignen Innern still belächelt in meinen Versuchen, mit Gedanken zu erringen, was ich bin. Doch ich glaube: Ich ähnle eher einem Lied, und das lässt sich nicht denken – nur singen. In Gedanken habe ich versucht eine Messlatte zu überspringen, die zum Springen viel zu hoch ist … sie liegt dort für mich, doch nicht zum Scheitern, sondern zum Entdecken meiner Adlerschwingen. Es geht doch nicht ums Scheitern, sondern darum, dass wir uns mit jedem Tag ein Stück erweitern.

Ein Vogel in den Lüften – zwischen Wald und Wolken

Wäre man an jenem Abend wie auf Adlerflügeln durch die Lüfte geglitten, man hätte die Sonne hinter den grauen Bergen im Westen versinken sehen; man hätte eine kleine Gruppe von Walfischen bemerkt, die in den schwindenden Strahlen der Abendsonne in einer felsigen Bucht spielerisch ihre Luftsprünge vollbrachten. Im Wald aber, der sich wenige Meilen nordöstlich der Bucht über ein weites Gebiet gen Norden erstreckte, wäre es beinah schon dunkel gewesen. Nur wenig Licht drang noch durch das Geäst der alten Eichen, die bereits mehrere Menschenleben überdauert hatten. Der Wald selbst aber war so alt, dass auf diesem Gebiet vor ihnen schon andere Eichen gestanden hatten, die irgendwann so alt und morsch geworden waren, dass der Lebensgeist sich eine neue Heimat gesucht hatte. Sie waren verfallen und wieder zu Erde geworden und hatten den Wald der Obhut der jüngeren Eichen, deren mächtige Kronen man an diesem Abend von hoch oben aus den Lüften sehen konnte, überlassen. Doch das Waldesinnere lag bereits im Dunkel. Die Tagesgeschöpfe hatten sich zur Ruhe gelegt und die Tiere der Nacht fühlten ihre Zeit gekommen. Doch dort, etwas weiter nördlich hätte man mit scharfen Augen einen kleinen Lichtfleck zwischen den Bäumen ausmachen können. Mitten im Herzen des Waldes – weitab von dort, wo die Straßen und Wege der Menschen verliefen. Dort, wo man diesen Lichtfleck ausmachen konnte, war noch nie eine Menschenseele gesehen worden – weder von einem Tier noch von einem Baum. Und diesen beiden gemeinsam entging nichts von dem, was im Wald vor sich ging. Doch woher stammte dann dieser Lichtfleck mitten im tiefsten Wald?

Augen des Abendhimmels

Kleine, aufsteigende Laternen. Sehen und fühlen, wie sie schwerelos werden und abheben, langsam steigen in die warme, dunkle Luft eines mit neugierigen Augen blickenden Abendhimmels – mehr wie ein Kind, mehr wie ein Greis? Ich könnte es nicht sagen. Auf uns herunter blickend als wüssten sie etwas über uns, auf dessen Entfaltung sie hinblickten; vielleicht sogar, all die Zeit, nichts anderes sähen als diese Entfaltung. Ein Mensch – ein Geheimnis, das sich selbst sucht? Wie ein Auge, das versucht, sich selbst zu erblicken? Etwas, das sich nur erblicken kann, indem es sich verwirklicht? Vielleicht ist das die Wurzel der Kreativität …

Wenn die Tagesgeschöpfe in ihren Schlaf gefunden haben, scheint der Himmel neu zu erwachen. Aus dem einen, hell lodernden Feuer des Tages werden dann tausend kleine Kerzenlichter, die Weite verheißen … Weite und Gesellschaft … Ein Meer von Sonnen in der Ferne, in das ich tauche, das durch meine Augen in mich eintaucht, das fern ist und doch so gegenwärtig und lebendig – Düfte und Klänge in meinem Herzen, meinem Gefühl. Das alles ruft mich. Nicht zu sich hin. Mehr in mich hinein, wo ich es fühle. Und hier? Hier weht dazu ein lauer Abendwind über meine Haut. Hier ist Gras unter meinen nackten Füßen – der träumerische Ruf eines Nachtvogels zwischen den Bäumen nicht fern. Und über und in allem die ruhig atmende Ruhe der Nacht.

Das alles sehe ich in den Augen des Abendhimmels, das alles und mehr, fühle ich, sieht er in mir. Und ich lerne, erinnere mich, dass, wie die Augen des Abendhimmels, auch meine Augen etwas sehen können – in mir, in anderen. Und, dass dieses Sehen einen Funken in mir und anderen zum Wachsen und Leuchten bringt.

Ich glaube Verehrung, Staunen kann ein Anfang sein. Verehrung für den Nachthimmel, für die Natur und für mich selbst, als einem Teil von ihr. Bringe ich dem Nachthimmel Verehrung entgegen, beginnt er in mir zu sprechen. Verehre ich die Natur, werden ihre Bilder, ihr Segen in mir lebendig. Wovon spricht die Natur und … wessen Sprache ist sie?

Ein wachsendes Wunder

Ich gehe durch meinen Garten, fühle Saatkörner in meiner Hand – ich bin berauscht; ein jedes Korn ist eine volle Pflanze, ein voller Baum und ich werde sie sorgsam in die Erde setzen und dann dem Wunder beim Wachsen zusehen. Aber was ist an den Pflanzen, dass Erde und Kosmos sich… ja, in sie hineingeben? Die Antwort liegt für mich darinnen: Die Pflanzen sind eine Verkörperung, eine sichtbar gewordene Berührung, ein sichtbares Ineinander-Fließen von Himmel und Erde… ein gezeugtes Kind… die Spur eines immerfort fließenden Liebesaktes.
Ich liebe die Bäume und finde, dass sie eine sehr würdige Verkörperung dieser Liebesbegegnung sind und es wundert mich nicht, dass den Pflanzen im Laufe der Zeitalter seitens der Menschen immerzu Verehrung zugeflossen ist. Ich glaube, dass wir in den Pflanzen immer schon etwas wiedererkannt haben, das auch in uns lebt. In den Pflanzen sehen wir klar, was auch uns innewohnt, was uns aber, da uns, im Gegensatz zu den Pflanzen, eine unendliche Zahl an Beschäftigungs- und Ablenkungsmöglichkeiten gegeben ist, in Vergessenheit geraten kann. Und so stehen sie dort, kleine und große wachsende Wunder, und erinnern mich daran, dass ich ein Kind des Himmels und der Erde bin, und dass ich, wie die Saatkörner in meiner Hand, selbst auch einmal in der Hand von etwas größerem geruht habe, dass mich sorgsam auf der Erde platzierte und nun seinem Wunder beim Wachsen zusieht.