Eine Geschichte erzählen

In meinem Schmerz bin ich ein Kind, dass an Geschichten glaubt – an Geschichten glauben will; das leise und ganz still dem lauscht, was die Stille zu ihm flüstert. Es braucht das Kind in mir doch jemanden, der eine Geschichte ihm erzählt, es mit sanfter Stimme führt, es fasziniert und es berührt; dass es liebevolle Worte seien, darauf alleine kommt es an.

Bin ich nun erwachsen und damit selbst der Geschichtenerzähler, dessen Worte mir selbst, dem Kind in mir und anderen Kindern Leitung geben sollen? Ich weiß, ich bin Geschichtenerzähler, trage die Verantwortung für mich selbst, im Mindesten. Doch ich weiß auch: Es gibt einen Ozean, einen Sternenhimmel voll von Worten, aus dem ich die Geschichte schöpfen kann. Mit der Geschichte, die ich erzähle, bin ich also nicht allein. Mir fallen tausend Worte ein – es kommt drauf an, welche ich wähle. Gänzlich erwachsen bin ich nie, vielmehr geführt durch eine Melodie, die auch in Wäldern, Sternen, Meeren klingt.

alte Briefe

Unter eines alten Baumes Wurzel hab ich Briefe ausgegraben, manche schon vergilbt. Von wem sie stammen? Vielleicht von meinen Großeltern oder deren Eltern … oder deren? Die Namen sind kaum mehr lesbar. Ich versuche darin zu lesen, doch die Schrift ist halb nur vertraut, halb fremd und verblasst dazu; Briefe wie die Fäden einer alten Beziehung, die einst zwei Menschen verbanden. Ich kann sie nicht mehr lesen, und ich brauch es nicht, ich hab verstanden, dass diese Fäden dabei sind zu verwesen. Ihr Inhalt geht mich nicht länger an. Doch gibt es etwas, das ich tun kann? Ich weiß! Ich werde sie mit Herzenssegen, der Reihe nach ins Feuer legen. So werden die Geschichten frei, die Buchstaben sich neu finden, zu neuem Liebesglück vielleicht verbinden, frei vom Kummer alter Tage.

Worte-Weben

Wie ein Wolfsjunges
tapps‘ ich tappsig auf und ab,
an dem Ort, wo du gestern noch warst,
wo dein Geruch noch in den Zweigen hängt,
wo vielleicht noch eine Spur von dir im Moos
oder eine Faser deines Kleids an einem Dornzweig weht.

Es gibt noch so Vieles zu sagen,
und ich hab das gestern nicht erkannt,
so viele Dinge, dich zu fragen,
ich bin den ganzen Weg gerannt,
um noch einmal hier zu sein und zu sehen,
ob du noch hier
bist, oder auch nur eine Spur von dir.

Ich weiß nicht, ob du mich jetzt hörst
oder dich an meinem Hiersein störst –
ich war einfach viel zu schüchtern,
viel zu zahm und viel zu nüchtern,
hab den Rausch in meinem Blute unterdrückt
und aus der Not den Tintenstift gezückt,
um dir zu sagen, dass ich liebe
wie du bist
und gern an deiner Seite bliebe,
ich habe dich, so lange schon,
vermisst.

Jetzt bin ich hier
und stapfe Worte in den Wald,
noch immer keine Spur von dir,
langsam wird’s dunkel – und mir kalt.
Ich hab jetzt alles hergegeben,
was an Sehnsucht in mir war,
mir blieb nur dieses Worte-Weben,
um dir zu sagen: Ich bin da.

Augen des Abendhimmels

Kleine, aufsteigende Laternen. Sehen und fühlen, wie sie schwerelos werden und abheben, langsam steigen in die warme, dunkle Luft eines mit neugierigen Augen blickenden Abendhimmels – mehr wie ein Kind, mehr wie ein Greis? Ich könnte es nicht sagen. Auf uns herunter blickend als wüssten sie etwas über uns, auf dessen Entfaltung sie hinblickten; vielleicht sogar, all die Zeit, nichts anderes sähen als diese Entfaltung. Ein Mensch – ein Geheimnis, das sich selbst sucht? Wie ein Auge, das versucht, sich selbst zu erblicken? Etwas, das sich nur erblicken kann, indem es sich verwirklicht? Vielleicht ist das die Wurzel der Kreativität …

Wenn die Tagesgeschöpfe in ihren Schlaf gefunden haben, scheint der Himmel neu zu erwachen. Aus dem einen, hell lodernden Feuer des Tages werden dann tausend kleine Kerzenlichter, die Weite verheißen … Weite und Gesellschaft … Ein Meer von Sonnen in der Ferne, in das ich tauche, das durch meine Augen in mich eintaucht, das fern ist und doch so gegenwärtig und lebendig – Düfte und Klänge in meinem Herzen, meinem Gefühl. Das alles ruft mich. Nicht zu sich hin. Mehr in mich hinein, wo ich es fühle. Und hier? Hier weht dazu ein lauer Abendwind über meine Haut. Hier ist Gras unter meinen nackten Füßen – der träumerische Ruf eines Nachtvogels zwischen den Bäumen nicht fern. Und über und in allem die ruhig atmende Ruhe der Nacht.

Das alles sehe ich in den Augen des Abendhimmels, das alles und mehr, fühle ich, sieht er in mir. Und ich lerne, erinnere mich, dass, wie die Augen des Abendhimmels, auch meine Augen etwas sehen können – in mir, in anderen. Und, dass dieses Sehen einen Funken in mir und anderen zum Wachsen und Leuchten bringt.

Ich glaube Verehrung, Staunen kann ein Anfang sein. Verehrung für den Nachthimmel, für die Natur und für mich selbst, als einem Teil von ihr. Bringe ich dem Nachthimmel Verehrung entgegen, beginnt er in mir zu sprechen. Verehre ich die Natur, werden ihre Bilder, ihr Segen in mir lebendig. Wovon spricht die Natur und … wessen Sprache ist sie?

Ein wachsendes Wunder

Ich gehe durch meinen Garten, fühle Saatkörner in meiner Hand – ich bin berauscht; ein jedes Korn ist eine volle Pflanze, ein voller Baum und ich werde sie sorgsam in die Erde setzen und dann dem Wunder beim Wachsen zusehen. Aber was ist an den Pflanzen, dass Erde und Kosmos sich… ja, in sie hineingeben? Die Antwort liegt für mich darinnen: Die Pflanzen sind eine Verkörperung, eine sichtbar gewordene Berührung, ein sichtbares Ineinander-Fließen von Himmel und Erde… ein gezeugtes Kind… die Spur eines immerfort fließenden Liebesaktes.
Ich liebe die Bäume und finde, dass sie eine sehr würdige Verkörperung dieser Liebesbegegnung sind und es wundert mich nicht, dass den Pflanzen im Laufe der Zeitalter seitens der Menschen immerzu Verehrung zugeflossen ist. Ich glaube, dass wir in den Pflanzen immer schon etwas wiedererkannt haben, das auch in uns lebt. In den Pflanzen sehen wir klar, was auch uns innewohnt, was uns aber, da uns, im Gegensatz zu den Pflanzen, eine unendliche Zahl an Beschäftigungs- und Ablenkungsmöglichkeiten gegeben ist, in Vergessenheit geraten kann. Und so stehen sie dort, kleine und große wachsende Wunder, und erinnern mich daran, dass ich ein Kind des Himmels und der Erde bin, und dass ich, wie die Saatkörner in meiner Hand, selbst auch einmal in der Hand von etwas größerem geruht habe, dass mich sorgsam auf der Erde platzierte und nun seinem Wunder beim Wachsen zusieht.

Waldweg

Ich ging einen Waldweg
Und fühlte die Bäume um mich träumen,
Sah sie wie alte Freunde meine Wege säumen.

Ich sah Verwandtschaft um mich her,
Sah sie hingegeben, leise
Dem Himmel lauschen wie ein Kind dem Greise.

Ich sah die Bäume Beispiel geben
Für ein erfülltes Erdenleben:

Dem inneren Himmel friedlich zu lauschen,
Meine Träume gegen Trüge nicht zu tauschen,
Die Wurzeln vertrauend ins Erdreich zu senken,
Und schließlich, meine Früchte in die Welt zu schenken.